Jockele und die Mädchen: Roman aus dem heutigen Weimar by Max Geissler

(5 User reviews)   5175
Geissler, Max, 1868-1945 Geissler, Max, 1868-1945
German
Overview: A compelling work of late-Wilhelmine social realism, this novel dissects the interplay of gender, class, and youthful ambition in the fading gran...
Share

Read "Jockele und die Mädchen: Roman aus dem heutigen Weimar by Max Geissler" Online

This book is available in the public domain. Start reading the digital edition below.

START READING FULL BOOK
Instant Access    Mobile Friendly

Book Preview

A short preview of the book’s content is shown below to give you an idea of its style and themes.

schritt, der die blauen Mohnkörner des ewigen Schlafes auswirft. Das mit dem Kinde geschah ganz früh am Jakobustage -- zu Sommeranfang, wenn die Drosseln das Silber ihrer Lieder über den Wald werfen wie die jungen Mütter des Christkindleins Haar um die Weihnachtstanne. Die Häuslein sind um den Fuß der Vorberge gesäet wie die Weizenkörner; ein paar sind emporgeweht an die Hänge, und der Bergwald legt seine grünen Arme darum. Zuhöchst steht das des Fräuleins Veronika Sinsheimer -- von weitem anzuschauen als ein Wildrosenbusch im Mai; denn es hatte frühlingsgrüne Mauern und ein hellrotes Ziegeldach, darin zwei blanke Augen, just wie das alte Fräulein selber. An den Fenstern waren weiße Vorhänge, feuerrote Geranien und Glockenstöcke; die standen auch während des Bergwinters in lachendem Blühen. Kein Wunder, denn das Fräulein in dem Frühlingshause wandelte in einem freundlichen Spätlichte des Lebens, so warm und hell, daß die grämlichen Nebel der Altjüngferlichkeit sich darin niederschlugen als ein Tau in den Sommermorgen. Die Leute von Ibenheim gingen gern bei ihr ein und aus; denn sie sprach eine feine thüringfremde Sprache. Die hatte sie mit aus der norddeutschen Heimat gebracht und schoß das »s« von dem feinen Bogen ihres Mundes wie einen Pfeil. Die zu ihr kamen, banden sich daheim eine saubere Schürze vor und strichen sich die Schuhe vor der Schwelle des Hauses ab, oder sie ließen die Pantoffel draußen stehen; denn um das Fräulein Veronika war alles blank. Die lebte das Leben des späten Mädchens in Freude und erzählte keinem Menschen, daß sie hundertmal Gelegenheit gehabt hätte, einen Mann zu nehmen, oder daß gar einer wegen seiner Liebe zu ihr ins Wasser gegangen sei, sondern sie sagte: es wäre halt keiner gekommen, sie lieb zu haben, darüber wäre sie stehengeblieben. Und ihre Augen lachten das leise Lachen der Freude über diese Rede, weil sie dennoch mit dem Leben fertig geworden war. Dies stille Leben lag vor den Augen all der Leute von Ibenheim, und doch war die feine kleine Person des alten Fräuleins für sie voller Geheimnisse. Aus jedem Stücke des Hausrats schaute eine ferne liebe Zeit, wie sie in den Erkerstuben alter Burgen eingefangen ist, die vordem einmal Kemenaten junger Frauen gewesen sind. Ahnungsreich lag der Duft von Lavendel um alle Körbchen und Decken, um Kissen und Polster, und Fräulein Veronika Sinsheimers reinliches Wesen trippelte zwischen diesen Dingen umher, und das Leben hatte kein Stäubchen auf sie geworfen. Die Menschen sahen sich an ihr die Augen voll Sonntag. Und an dem Zinzilein, dem kleinen Mädel des Holzhauers, das an jedem Tag in das Frühlingshaus kam, war all der Sonntag hängengeblieben: es schoß das spitze »s« aus seinem Mündlein wie sie; seine kleine Zunge schwang in diesem Mündlein als gegen eine silberne Glocke, und wenn das Zinzilein aus der Hütte des Holzhauers über den Weg lief, ward der Waldsaum hell -- in Kindern leuchtet das Scheinen der anderen Welt, aus der sie gekommen sind, rasch wieder auf. Das Zinzilein blühte seinen fünfjährigen Frühling so in das Leben der alten Dame hinein und schüttete seine klingenden Fragen über sie, als es anfing, an dem Dasein herumzuraten: »Warum kann ich nicht in Deinem Hause schlafen, liebe Tante Veronika? Und warum sage ich zu Dir Tante und nicht Mutter? Warum bist Du nicht meine Mutter? Und was ist für ein Unterschied zwischen einer Tante und einer Mutter? Wenn ich groß bin -- kann ich dann immer bei Dir sein, liebe Tante Veronika? Und warum ist es bei Dir so schön, so schön?« Darüber kamen sie dann beide ins Raten; und wie eine Blume wandte sich diese junge Menschenblüte der Sonne zu, in der Fräulein Veronika stand. Den...

This is a limited preview. Download the book to read the full content.

Overview: A compelling work of late-Wilhelmine social realism, this novel dissects the interplay of gender, class, and youthful ambition in the fading grandeur of Weimar at the turn of the 20th century.

Plot: The narrative follows the charming but aimless Jockele as he navigates the complex social landscape of Weimar, his life and prospects becoming entangled with a series of women from different strata of society, each relationship revealing new facets of the city's—and the era's—contradictions.

Analysis: Geissler’s work is a classic of nuanced observation, transcending mere romance to offer a sharp sociological portrait. Its enduring power lies in the author's unsentimental yet empathetic examination of his characters' constrained choices, capturing a specific moment of German social transition with psychological depth and a timeless relevance to human aspiration and social mobility.



🔓 Legal Disclaimer

This publication is available for unrestricted use. Feel free to use it for personal or commercial purposes.

Karen Flores
1 year ago

I had low expectations initially, however the content flows smoothly from one chapter to the next. Truly inspiring.

Jessica Torres
1 year ago

Compatible with my e-reader, thanks.

Brian Wright
1 year ago

This book was worth my time since the atmosphere created is totally immersive. Exceeded all my expectations.

William Scott
10 months ago

The fonts used are very comfortable for long reading sessions.

Jessica Young
1 year ago

Thanks for the recommendation.

4.5
4.5 out of 5 (5 User reviews )

Add a Review

Your Rating *
There are no comments for this eBook.
You must log in to post a comment.
Log in


Related eBooks