»Aufgestanden ist er schon lange, aber er ist gleich weggefahren. Sie probieren heute bei der Morgenarbeit den ‚Franklin’,« sagte Leo wichtig, dessen älterer Bruder einen Rennstall hielt, und unterdrückte ein Gähnen. Als Hilde keine Antwort gab, sondern den Tisch abzuräumen begann, setzte er sich auf den Diwan und sah ihr zu: Hilde Tiedemann war mit ihren zwanzig Jahren ein hübsches Mädchen, das gestand sich ihr Bruder jetzt, wie schon oft, wohlgefällig zu, und sein Blick, der ihre schlanken Formen und flinken Bewegungen verfolgte, wurde freundlicher. »Du solltest, Hilde, nicht alles selbst tun! Wozu haben wir denn unsere Dienstboten?« Hilde hielt in der Arbeit inne: »Warum soll ich das nicht tun? Das schadet doch nichts?« »Schadet nicht, aber die Leute bekommen eine falsche Meinung von uns. Sie müssen sehen und spüren, daß wir die Herren sind.« »Das merken sie viel eher, wenn man aus freien Stücken mitarbeitet, als wenn man sie, wie ihr es liebt, allein schalten und walten läßt und dabei alles verkommt.« »Du bist köstlich, als ob bei uns so etwas vorkommen würde!« Hilde strich die letzten Brotkrumen vom Tisch und erwiderte: »Ich kann's als Mädel nicht ändern.« Leo rückte unruhig herum: »Lächerlich, einfach lächerlich! Wenn es nach dir ginge, dürfte man sich überhaupt keine Freude gönnen! Du siehst in einem fort Gespenster! Papa, Fred und ich sind lustig und guter Dinge, du predigst immer Gefahr. Ich möchte nur wissen, woher eine solche für uns kommen sollte?« Hilde Tiedemann schüttelte den Kopf; sie sagte: »Das ist es ja, Leo, daß ihr alle so sicher seid und mich mit meinen Sorgen auslacht! Ihr glaubt, weil wir Geld haben, kann uns nichts geschehen. Schau, Leo,« sie trat ganz nahe zu ihm und dämpfte, in eindringlicher Liebe, ihre Stimme: »Du arbeitest viel zu wenig für deine Schlußprüfung, du verläßt dich ganz auf das Schwindeln mit dem Schuldiener -- wenn's nun nicht gelingt?« Er lachte selbstsicher: »Er bekommt genug Geld, es _wird_ gelingen.« »Du _kannst_ es nicht wissen. Und selbst, wenn es gelingt; schämst du dich denn nicht vor deinen Mitschülern, die sich ehrlich plagen müssen? Weißt du, ich verstehe ja nichts davon, aber ich -- wenn ich an deiner Stelle wäre -- ich würde lieber durchfallen, aber ehrlich arbeiten, als durch Betrug Erfolg haben zu wollen.« Leo bekam vor Aerger wieder rote Wangen: »Du redest so gut, wie du es verstehst -- du bist furchtbar unpraktisch,« er nahm einen überlegenen Ton an: »merk' dir, Hilde, was man erreichen kann, soll man erreichen, die Mittel dazu sind gleich -- wenn man es sich bequemer machen kann, dann soll man's erst recht tun -- alles andere ist Unsinn ...« Er hielt inne und sah mit plötzlich belebtem Blick auf das Stubenmädchen, das eingetreten war und meldete: »Herr Görnemann ist da!« Hilde ging lebhaft zur Tür; sie fragte: »Warum kommt er denn nicht herein?« Sie rief: »Herr Görnemann! Herr Görnemann, kommen Sie doch zu uns herein!« Die magere, peinlich gekleidete, lange Gestalt des Prokuristen, mit weißem Kopf und rosigen Wangen, schob sich in die Türöffnung; sie sagte bescheiden: »Guten Morgen, Fräulein Hilde, ich wollte nicht stören. Ist Herr Fred schon da?« Belustigt reichte ihm Hilde die Hand. »Wie formell Sie geworden sind! Sie wollten nicht ‚stören’? Wen denn?« Er hüstelte und sah hinter den weißen Wimpern scharf auf sie. »Der junge Herr hat dem Personal verboten, in die Privatwohnung zu kommen.« »Das gilt aber doch nicht für _Sie_!« »Mein liebes Fräulein, die Zeiten ändern sich. Es ist besser, man gewöhnt sich daran.« Er bemerkte Leo und nickte ihm freundlich zu. »Guten Morgen, Herr Leo!« Der gab keine Antwort, so daß dem alten Mann das Blut...
This is a limited preview. Download the book to read the full content.
Deborah Jackson
10 months agoLoved it.