seine anderen Frauen behandelt hat, wird er's mit der auch nicht machen. Ueberhaupt die _Frommen_, das ist so die rechte Art -- vor den Leuten _beten_ sie, und zu Hause sind's nachher Tyrannen, und Gott weiß was für Hallunken. -- Wenn ich nicht so neugierig wäre, zu sehen, wie sie sich zusammen vertragen, ich käme _dem_ Herrn wahrhaftig mit keinem Fuße über die Schwelle.« »Hat denn seine Frau ihr jüngstes Kind wirklich hergeben müssen?« frug die Mutter, und griff fast unwillkürlich nach der Tochter Arm, die eben schon wieder in größeren Schritten vorauseilen wollte. »Nun natürlich,« erwiederte diese, »weißt Du denn das nicht? Nicht des Kindes wegen, denn das wird dem alten Geizhals wohl kaum am Herzen liegen, aber der _Welt_ wegen -- der gute Mann, sollen die Leute sagen, kann nicht ohne sein Kind leben -- was für eine Vaterliebe -- siehst Du Mutter, ich wünsche keinem Menschen gern 'was Böses, aber wenn ich den Schuft könnte hängen sehen --« »Schrei nur nicht so,« sagte die Mutter, »Deine Stimme hört man so über drei Straßen hinüber -- da oben steht wahrhaftig der Oberpostdirector am Fenster.« Und sich freundlich verbeugend und grüßend traten sie in's Haus, wo ihnen Frau von Gaulitz mit höflichem Willkommen entgegen kam und sie den anderen beiden Damen, Fräulein Melinde und Josephine Seiffenberger, Töchter des Herrn Geheimenraths Seiffenberger, vorstellte. Gegen diese beiden Damen verneigte sich Anna Schütte auf das Förmlichste, dann flog sie aber, wie aus einer Pistole geschossen, Sophie Scheidler um den Hals, nannte sie ihr liebes herziges Soph'chen und rief, sich darauf im ganzen Zimmer umschauend: »Nein aber, wie Sie reizend wohnen, Frau Oberpostdirector -- das ist zu herrlich, zu göttlich -- ach, so einen Stuhl habe ich mir schon lange gewünscht -- nein der ist doch zu wonnig -- und _die_ Aussicht -- ach die Berge da im Hintergrunde -- das möcht' ich malen können -- und der wunderschöne Flügel -- das ist wohl ein Bretschneider? -- spielen Sie denn auch?« Frau von Gaulitz wurde blutroth, antwortete aber nach kurzem Zögern: »Ein Bischen -- nur sehr wenig -- aber bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen? -- Louise, schenk doch den Damen ein.« »Den Augenblick, meine Gnädige,« sagte Anna, ließ sich vor dem geöffneten Flügel nieder und griff einige Accorde -- »nein, was das Instrument für einen reizenden Ton hat -- wundervoll.« Und ohne vorherige Warnung legte sie sich plötzlich in die Tasten und raspelte der auf's Aeußerste erstaunten Zuhörerschaft mit unzähligen falschen Griffen -- armer Karl Maria -- Webers Aufforderung zum Tanz herunter. Die beiden Geheimenrathstöchter und Frau von Gaulitz waren auch über die Ausführung wirklich entzückt, lobten wenigstens das Spiel auf das Angelegentlichste, und fragten nur, ob Fräulein Schütte nicht auch singen könne. »Nur wenig,« entschuldigte sich diese, »ich bin lange heiser gewesen, und muß mich jetzt noch sehr schonen.« »Nun _nach_ dem Kaffee erfreuen Sie uns vielleicht mit einem Liede,« sagte der Oberpostdirector, der fest entschlossen war, _nach_ dem Kaffee einige wichtige und unaufschiebbare Geschäfte zu haben. Die Neuangekommenen nahmen nach dieser Wendung und auf nochmaliges Nöthigen ihre Sitze ein. Fräulein Schütte erhielt den Platz zwischen den beiden Geheimenrathstöchter und Freundschaft war auch bald unter diesen dreien geschlossen. Im Anfange schweifte dabei das Gespräch, da man sich ja doch nicht näher kannte, natürlich nur über allgemeine und ziemlich gleichgültige Dinge hin, Wetter und Jahreszeit, beabsichtigte Lustfahrten und die reizende Lage der hiesigen Gegend mußten den Grundstoff liefern, zu dem die verschiedenen Parteien die Variationen ausarbeiteten; nicht lange dauerte es aber, so fing es an, auf einzelne Individuen oder Punkte seinen Stachel hinzulenken, und wurde dadurch, wie sich das von selbst versteht,...
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Nancy Davis
9 months agoThe formatting on this digital edition is flawless.