anschwellenden Rasenflächen der Villa Freimann taute letzter Schnee. Der Generaldirektor kam schleppenden Schrittes die breite Freitreppe herunter. Fröstelnd zog er den Nerzpelz um seine Schultern zusammen. Der legt mächtig ein! dachte der Chauffeur. Und im tiefsten Herzen des altbewährten Bediensteten regte sich doch fast unbewußt etwas wie eine geheime Genugtuung des Kleinen, des Knechtes, über den unverhehlbaren Verfall des Mächtigen, des Hochmögenden ... Dies Gefühl war den Tönen jenes Liedes verwandt, dessen verwehte Klänge durch den trüben Vorlenzmorgen von der Lombardsbrücke herüberflatterten: »Was hoch und stolz, das fällt im Sturm der neuen Zeit -- jetzt bringen wir der Welt die rote Seligkeit!« Auch der Generaldirektor horchte auf. Eine neue Falte querte sich senkrecht durch die tiefen Furchen seiner schmal gewordenen Stirn. Der Chauffeur gewahrte dies Lauschen, dies Stutzen. »Meinen Herr Präsident nicht, daß es besser wäre, heute nicht --« »-- nicht zu fahren, Hansen? Das souveräne Volk von Hamburg nicht zu reizen? Es ist alles eins ... Haben Sie übrigens eine Ahnung, was los ist?« »Sie sind mal wieder sehr unruhig da drinnen ... Seit gestern kommen immerfort Züge mit heimkehrenden Kriegsgefangenen aus Rußland an«, berichtete der Chauffeur. »Die haben uns grad noch gefehlt. Alles die reinsten Bolschewisten, Herr Präsident!« Der Generaldirektor zuckte die Achseln. Aber dann schauderte er in seinem schweren Pelz doch sekundlich zusammen. Ihn schüttelte der Ekel ... Diese Zeit -- dieses Volk ... Er straffte sich auf. »Los, Hansen!« Das Auto sauste über die Lombardsbrücke. Einen Augenblick überflog der Generaldirektor mit einem kaum bewußten Gefühl von liebeschwerer Verbundenheit das vertraute Bild: zur Rechten das Quadrat der Binnenalster mit den hufeisenförmig darumgestellten drei Fronten der majestätischen Handelspaläste -- zur Linken die im Nebel verschwimmenden Ufersäume des fernhin sich dehnenden Außenbeckens. Aber leer, wie ausgestorben die ehemals froh belebte Fläche ... Kein flugfrohes Segel, kein munter flitzendes Dampferchen ... Da fauchte der Wagen an einem Zuge von Heimkehrern vorüber. Eine rote Fahne wehte voran. Der sie flattern ließ, trug nicht Feldgrau -- seine kalmückische Gestalt stak im schwarzen Anzug der russischen Kriegsgefangenen ... Und hinter dem Steppensohne trotteten in Gruppenkolonnen, wie sie's einst auf dem Kasernenhof gelernt, vier Jahre lang im Felde geübt, die Entronnenen der kaukasischen Bergwerke -- in verschlissenen Soldatenmänteln, die hageren Gesichter bartumstarrt, rote Fetzen irgendwo auf die Monturen genäht, rote Kokarden auf den schiefgestülpten Feldmützen ... »-- jetzt bringen wir der Welt die rote Seligkeit --« Stockung -- Schreie -- geballte Fäuste -- -- aber schon war's vorüber -- ein Stück verschimmelten Brotes flog gegen Freimanns Nacken. Der Generaldirektor hatte unwillkürlich den schmerzenden Kopf tief in den Pelzkragen gedrückt. Als er den Blick hob, traf eine neue Qual seine gemarterte Seele. Vor ihm zur Linken stieg der vielfenstrige Würfel des Atlantic-Hotels aus dem Nebel. Auf dem First der fremdenleeren Riesenkarawanserei, die einstens die Sendlinge des Erdballs beherbergt hatte, wehten die Banner der Entente und gaben Kunde, daß drinnen die Kommission des Feindbundes zur Beaufsichtigung der Auslieferung der deutschen Handelsflotte ihr Standquartier aufgeschlagen hatte. »-- die rote Seligkeit -- --« Hatte es Sinn zu arbeiten, -- -- mit zusammengebissenen Zähnen zu kämpfen für ein rettungslos Verlorenes?! Georg Freimann fühlte, wie die Verzweiflung über ihm zusammenschlug. Im stolz hingelagerten Verwaltungsgebäude der Hansa-Transatlantik-Linie schleppte der Arbeitstag sich gähnend und zwecklos hin -- angefüllt mit dumpfen Ängsten und Ahnungen. Man arbeitete nicht mehr -- man wurde beschäftigt ... Die gigantische Maschine lief leer. Aus dem satten Braun des eichengetäfelten Prunkbureaus trat dem Generaldirektor eine schlanke Mädchengestalt in schlichter Bluse aus grauer Kunstseide entgegen. Ein flüchtiges Lächeln überflog die gelben Züge des Chefs. Wie täglich empfand er halb unbewußt die Wohltat dieses klaren, in sich gefestigten Gesichts. »Herr Präsident,«...
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Kimberly Ramirez
1 year agoComprehensive and well-researched.