kleinen Fenstern das letzte Licht schon vor Stunden erloschen war. Nur die Wellen der Isar, deren raschen Lauf auch die eisige Winternacht nicht zum Stocken brachte, sprachen mit ihrem eintönigen Rauschen ein Wort in die alles umfangende Stille; und zwischendrein noch klang von Zeit zu Zeit der Anschlag eines Hundes, dem die Vergeßlichkeit oder das harte Herz seines Herrn die Tür verschlossen hatte, und der nun aus seiner fröstelnden Ruhe unter der Hausbank auffuhr, wenn vor dem Hofgatter die Tritte des Nachtwächters im Schnee vorüberknirschten. Langsam machte der Mann dieses einsamen Geschäftes seine Runde im Dorf, eine hagere, noch junge Gestalt, eingehüllt in einen weitfaltigen, bis auf die Erde reichenden Mantel, dessen Pelzkragen aufgeschlagen war; eine dicke Pudelmütze war tief über den Kopf gezogen, so daß zwischen Mantel und Mütze nur der starke, eisbehauchte Schnurrbart hervorlugte. Die Hände des nächtlichen Wanderers staken in einem Schliefer aus Fuchspelz. Mit dem Quereisen in den Ellbogen eingehakt, hing unter dem rechten Arm der hellebardenähnliche »Wachterspieß«, dessen Holzschaft lautlos nachschleifte im fußtiefen Schnee. Plötzlich hielt der Wächter inne in seiner Wanderung. Vor ihm stand ein kleines Haus, dessen Giebelseite bis dicht an die Straße reichte, von der es durch einen schmalen eingezäunten Raum getrennt wurde. Wenn man sich ein wenig streckte, konnte man mit der Hand über den Zaun bis ans Fenster greifen. So tat der Einsame, und zweimal klirrte unter einem schwachen Klopfen das letzte der drei Fenster. Nach einer Minute klopfte er wieder, etwas stärker. Wieder wartete er, klopfte von neuem und immer wieder. Hinter dem eisblumenbedeckten Fenster wollte nichts lebendig werden. »Heut hört's wieder amal gar nix, dös Teufelsmadl!« brummte der Wächter, während er zusammenschauerte und mit den Lippen schnaubte, daß ihm die Eistropfen vom Schnurrbart flogen. Eine Weile besann er sich, ob er gehen oder bleiben sollte. Dann schlug er mit der ganzen Hand an die Scheibe, die bei dieser groben Mißhandlung so heftig klirrte, daß auch ein stocktauber Schläfer hätte erwachen müssen. Und wirklich, in der Stube ließ sich ein Geräusch vernehmen, als würde ein Stuhl gerückt; gleich darauf zitterte die Fensterscheibe, öffnete sich um ein paar Fingerbreiten, und durch den Spalt fragte eine gedämpfte Mädchenstimme: »Was is denn? Was für einer is denn schon wieder da?« »Ich bin's, der Veri!« klang leis die Stimme des Wächters. »Geh, Punkerl, mach a bißl auf! Ich muß schier sterben vor Kält und Langweil.« »Was hast gsagt?« Veri neigte den Oberkörper so weit als möglich über den Zaun. »Daß ich a bißl fensterln möcht bei dir!« »Was dir net einfallt!« lautete die unwillige Antwort des Mädels. »Es scheint, du bist noch net gscheid auf deine dreißg Jahr? Meinst, ich stell mich bei so einer Kälten im Hemmed daher ans offene Fenster?« »Kannst ja in a Rock einischlupfen.« »Ah na! Gut Nacht! 's warme Bett is mir lieber.« Das Fenster schloß sich, und alles war still. »So, so? An andersmal mag _ich_ halt nimmer. Weißt was? Steig mir am Buckel auffi!« Diese Worte schienen den Ärger des Abgeblitzten beschwichtigt zu haben. Gleichmütig, als wäre nichts Kränkendes geschehen, schritt er wieder die Straße dahin. Die Langweile machte ihn gähnen. In der ersten Hälfte der Nachtwache hatte er von Stunde zu Stunde auf den Glockenschlag passen können, um seinen Wächterspruch in die Nacht hineinzusingen. Das letzte seiner Lieder war längst erledigt: »Ös Mannder und Weibsleut, laßts enk sagen, Die Glock am Turm hat zwei Uhr gschlagen! Bewahrt das Feuer, bewahrt das Licht, Daß enk an Leib und Seel kein Schaden gschicht!« Nun war ihm auch sein Gesangsvergnügen genommen, weil ihm von dieser Stunde an die Gemeindevorschrift das Absingen des Wächterspruches untersagte. Ein nächtliches Unheil, das...
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Lucas Martinez
11 months agoFinally found time to read this!