dem hier und da der Siebenmeilenschritt des kleinen Korporals auftaucht. Ein Mann erzählt ein ungewöhnliches, aber auch unbekanntes Leben, Jahr für Jahr, Woche für Woche, von seiner Kindheit in Frankfurt am Main, über der, landsmännisch respektlos behandelt, der Name Goethe steht, von seinem Eintritt in die glorreiche Armee, seinen Feldzügen in Italien, Spanien, im Balkan und auf Korfu, von der preußischen Dienstzeit mit Drill, Langerweile und letzten Erinnerungen an den Gamaschendienst, und schließlich von einem freien Vagabondieren durch ganz Europa, das Deutschland des Frankfurter Bundestags und das Frankreich Ludwigs XVIII., um dessen zerbrechliche Herrlichkeit immer noch das Gespenst des verbannten Napoleon spukt. Ja, als der Verfasser in seine Heimatstadt zurückgekehrt ist und langsam in die Glorie des stimmberechtigten Bürgers einrückt, taucht noch einmal die bestimmende Gestalt seines Lebens auf: der Kaiser! Er hat ihn bewundert, aber nie geliebt; noch weniger liebt er seine Kerkermeister, die Engländer. So wird er das tätigste Mitglied einer bonapartistischen Konspiration, die den Gefangenen von Sankt Helena mit einem märchenhaften, unwahrscheinlichen und heut, hundert Jahre später, uns so geläufigen Mittel befreien will: mit einem Unterseeboot. Aber der Kaiser stirbt, eh das Wunder verwirklicht werden kann. Und die Welt geht, des Gigantenkampfs müde, zu neuen, etwas muffigen und saftlosen Spielereien über. Das Leben eines Toten kehrt in die Niederungen zurück. Fünfundzwanzig Jahre durchstreift der Frankfurter Bürgersohn, der mit seinem wahren Namen Friedrich hieß, Europa, und fünfundzwanzig Jahre lang ist ihm Feldzug und Reise fast nichts anderes als der Flug von einer Frau zu einer anderen Frau. Er wird wohl ein wenig übertreiben; aber selbst nach dem Abzug eines mäßigen Prozentsatzes bleiben noch soviel galante Abenteuer über, wie sich sonst nur bei Casanova finden lassen. Und die erzählt er nun mit heller Freude und dem ausgesprochenen Genuß des Nachkostens. Er erlebt all die Frauen noch einmal, die er in Quartieren und im Salon errungen hat, und vergißt bei keiner, die Beweise seiner Kraft aufzuzählen. Allerdings, mit tiefschürfender Psychologie gibt er sich dabei nicht ab. Er ist auch hier ein unbedingter Anhänger der Tatsache und weiß sich nichts Amüsanteres, als den Weg zu ihr möglichst genau darzulegen. Er kennt hundert Arten der Verführung, und die Frauen, denen er begegnet, kennen, -- das muß man zugeben -- hundert und eine Art, sich verführen zu lassen. Von der Fürstin bis zum Dienstmädchen kennt er die ganze weibliche Klaviatur des damaligen Europa, und (er ist auch ein großer Musiker) seine Lieblingsoper, die damals noch kaum über Österreich und Deutschland hinausgedrungen war, ist natürlich der unsterbliche Don Juan. Er weiß die Schönheit Mozartscher Musik wohl zu erfassen. Aber ganz uneigennützig ist seine Propaganda für den Meister doch nicht, denn seine größten Liebes-Triumphe erringt er immer wieder durch das Duett Don Juans, das er mit geschickten Impromptus mit der Erkorenen durchnimmt. Aber die Abenteuer des Toten spielen sich im Rahmen napoleonischer Heerzüge ab! Es sind Feldpostbriefe aus einer Zeit, wo die Kriegsschauplätze so zahlreich waren wie heute. Allerdings muten uns diese Kämpfe, neben dem eisernen, zerfleischenden Ringen von heut, wie Scharmützel an, die mehr jugendlichem Tatendrang als weltgeschichtlicher Notwendigkeit zu entstammen scheinen. Seltsam liest sich die bunte Schilderung des Kleinkriegs am Ende des italienischen Stiefels, Sizilien gegenüber, wo die Engländer in schöner Skrupellosigkeit Tag und Nacht neapolitanische Banditen an Land setzen und mit ihrer Flotte den Franzosen das Leben sauer machen. Die Freunde von heute benutzten damals schon Mittel gegeneinander, die sie heut kräftig miteinander gegen uns ins Werk zu setzen trachten, und gaben einander an Sorglosigkeit in der Wahl der Kampfmethoden nichts nach; das beweist vor allem die ausführliche Schilderung der Land- und Seeschlacht bei Toulon. Aber viel interessanter ist noch der Einblick...
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William Perez
9 months agoVery interesting perspective.