merkwürdigerweise aus einer Hosentasche wieder zum Vorschein. Der Pastor, der inzwischen überlegte, mußte unwillkürlich lächeln, denn offenbar hatte der Rock kein Taschenfutter. »Nehmen Sie bitte Platz,« sagte er freundlich, denn er hatte seinen Entschluß gefaßt und griff nun zu seiner Pfeife. »Sieh, sieh, sie ist doch ausgegangen,« murrte er, zündete frisch an und schob dem Fremden einen Stuhl hin. »Wollen Sie mir einen Einblick in Ihre Vergangenheit gönnen, das heißt, nur soweit es Ihnen gut dünkt,« begann der Pastor, »und in der Gewißheit, daß alles bei uns beiden allein bleibt?« »Nichts zu verbergen, Herr Pastor, gar nichts Ehrenrühriges, Herr Pastor, nicht ein einziges Mal, Herr Pastor.« Dann sprudelte es heraus: Früh mutterlos -- gelernt beim Vater als Kaufmann im Materialgeschäft -- nach dessen Tode hier und dort beschäftigt, endlich dienstpflichtig -- gerade noch so eben das Maß -- allzu krumme Knie, die nicht durchzudrücken waren -- stets Störung einer tadellosen Front -- Strafen mit Nachexerzieren, -- schlecht schießen, weil das Gewehr zu schwer -- Kugel suchen, Tornister mit Steinen tragen -- »das war zu viel, Herr Pastor, das ließ ich mir nicht gefallen, Herr Pastor, da ging ich weg, Herr Pastor.« »Das heißt, Sie desertierten.« »Herr Pastor, Herr Pastor, ich ging einfach weg, löste beim Pfandleiher meine Zivilsachen wieder ein, zog sie an und ging weg, irgendwohin auf ein Dorf, und fing an, als Hofgänger zu arbeiten. In zwei Tagen hatten sie mich wieder. Natürlich steckten sie mich gründlich bei, Herr Pastor. Und dann ging's wieder los, Herr Pastor; und das ließ ich mir nicht gefallen und ging wieder weg -- nein, Herr Pastor, nicht desertieren! Ich verkaufte meine Uhr und kaufte mir altes Zeug vom Trödler, das gerade noch in den Nähten zusammenhielt, hütete beim Bauern Schafe -- zwei Wochen nur, da saß ich hinter Schloß und Riegel. Na, Herr Pastor,« der kleine Mann warf mit einer verächtlichen Bewegung die Erinnerung an den strengen Arrest beiseite -- »als das vorbei war, ging das andere wieder los. Da desertierte ich, bei einer Felddienstübung an einem Waldrande, nahm alles mit, versenkte den Tornister in einen Teich und steckte Gewehr und Säbel unter das Laub, verschenkte den Rock an den ersten, der ihn haben wollte, und sodann weg. Nach drei Tagen eingefangen. -- Fünf Jahre Zuchthaus, Herr Pastor! Zwei Jahre sind mir nachher erlassen. Nirgends fand der Zuchthäusler eine Stelle, Herr Pastor, lag auf der Landstraße, bettelte, wurde eingesteckt -- dreimal -- Herr Pastor, Herr Pastor -- ~nur dreimal~ in vier Jahren -- sonst kam ich immer durch -- und etwas Ehrenrühriges, Herr Pastor? Nie, Herr Pastor! Da können sie bei allen Gerichten herumfragen, Herr Pastor.« »Und nun sind Ihnen die Augen aufgegangen über Ihre Lage?« fragte der Pastor, der den Versuch zur Läuterung der sittlichen Anschauungen auf später verschob. »Seit Weihnachten, Herr Pastor. Ich hab's versucht mit der Tat -- das ist nichts geworden, Herr Pastor, -- und nun komme ich um Rat, Herr Pastor, bitt' schön.« »Können Sie wohl einen Kuhstall ausdüngen?« »Wird gemacht, Herr Pastor, wird gemacht,« sagte der kleine Mann, indem er aufstand und seine Mütze aus dem Stiefelschaft herauszog. Er war schon zur Tür hinaus und über den halben Pfarrhof, natürlich in falscher Richtung, so daß der Pastor, der inzwischen seine Pfeife bedächtig in die Ecke gestellt hatte, ihn abrufen mußte. Beide gingen in das Viehhaus, wo zehn Kühe in zwei Reihen standen. Ein warmer Dunst quoll ihnen entgegen, den der Kleine mit Wittern und Schnüffeln begrüßte, als wäre er ihm höchst willkommen, dabei rieb er sich äußerst vergnügt die Hände und stopfte dann beim Eintreten seine Mütze hinter die Weste, als ob das die Höflichkeit vor...
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Charles Ramirez
8 months agoSimply put, the arguments are well-supported by credible references. Worth every second.